Interaktive Medien

Design for Participation – Workshop von Sam Muirhead

Eintrag über die mir vielleicht praktischsten erlernten Tools hier.


Sam Muirhead (cameralibre.cc, twitter, gitlab) ist Mozilla Fellow, das bedeutet, Web-Aktivist mit Fokus auf offenen Zugang zu Information und kollaborativer Arbeit im Internet und noch vieles Weitere. Ein großartiger Idealist.
Er gab dieses Wochenende einen Workshop an der HBK Saar, in dem er durch das Internet neu gegebene Möglichkeiten der Zusammenarbeit erklärte, ihre Chancen verdeutlichte und uns darauf vorbereitete “Open Leaders” oder Partizipienten zu sein, also ein gemeinschaftliches Open Source oder Creative Commons Projekt zu initiieren oder hieran mitzuwirken.
Aus dem Eintrag des Vorlesungsverzeichnisses:

Im Kurs ‘Design for Participation’ geht es darum, die Möglichkeiten offener Kollaboration kennen und gestalten zu lernen. Wir werden erfahren, wie Kollaboration bei Open Design und Open Source funktioniert und wie man sie selbst anwenden kann. Mit welcher Motivation gehen Teilnehmer_innen in offene Projekte hinein und wie entwirft man die Projekte so, dass die Zusammenarbeit darin gut und erfolgreich funktioniert?


Hier findet sich das Repository von Sam zu dem Workshop. Es finden sich hier alle Informationen und Dateien aus dem Workshop, und es ist beispielhaft dafür, wie man ein offenes Projekt gestalten kann.

“Creative Commons” befreiung kreativer Arbeiten für die Öffentlichkeit. “Commons” ist ein sehr schönes Wort – direkt übersetzt bedeutet es “Allmende” – ein Wort, welches hierzulande kaum einer nutzt, es bedeutet “für die Öffentlichkeit frei verfügbare Güter”. Wörtlich übersetzt bedeutet “commons” auch “Gemeinsamkeiten”.
Bei Creative Commons Deutschland findet sich folgende Beschreibung:

Creative Commons hat standardisierte Lizenzverträge entwickelt, die sogenannten CC-Lizenzen. Mit ihrer Hilfe können Urheber ihre Werke gezielt und in unterschiedlichen Stufen zur Nutzung für alle freigeben:

„manche Rechte vorbehalten“ statt „alle Rechte vorbehalten“

Wie weit diese Freigabe jeweils gehen soll, entscheidet die Urheberin bzw. der Urheber selbst, und zwar durch Auswahl genau desjenigen Lizenztyps, der am besten passt.

In jedem Falle entstehen durch eine Freigabe mittels CC-Lizenzen mehr Möglichkeiten, kreative Inhalte zu einem Teil der wachsenden und lebendigen Allmende (Engl.: commons) werden zu lassen.

Konkret handelt es sich bei Creative Commons um eine Sammlung ähnlicher Lizenzen, mit der man die eigene Arbeit mehr oder weniger vom Urheberrecht befreien kann.
Die einzelnen Lizenz-“Bausteine”, entnommen dem Wikipedia-Artikel über Creative Commons:

cc_icons.png

Creative Commons behandelt nicht Computer-Quellcode (Source Code). Es geht um kreative Arbeiten aller Art, ausschließlich Source Code. Für Source Code gibt es die Open Source Lizenzen.
Open Source und Creative Commons sind Teil einer sich etablierenden, freien Netzkultur. Wie man beispielsweise an Sams Homepage “cameralibre.cc” sieht gibt es für Creative Commons sogar eine eigene Internetadressendung.
Leitfaden zur Nutzung der Lizenzen auf wikimedia hier.

Mozilla Fellows sind jährlich gewählte Aktivisten, die sich für diese Kultur stark machen. Mozilla ist eine Stiftung, Non-Profit, welche Beispielsweise hinter dem Firefox Browser und dem Thunderbird eMail-Clienten steht. Ihre Vorstandsvorsitzende ist Mitchell Baker. Mehr über Mozilla Fellowship hier.

Open Leadership

Besonders wichtig ist, wie man die Öffentlichkeit mit einem Creative Commons / Open Source Projekt anspricht und wie man das Projekt verwaltet. Hierfür bietet Mozilla einen Leitfaden in der “Open Leadership Series” hier.
Partizipiert wird für Projekte, welche Text oder Code beinhalten am besten über git. Das ist eine Software, mit der unterschiedliche Versionen der Projektdaten von unterschiedlichen Menschen und/oder unterschiedlichen Zeitpunkten miteinander vereint und protokolliert werden können.
Für direkte Vermittlung der Struktur und Ziele des Projektes gilt es unter Verwendung von git eine gute README.md-Datei im digitalen Ordner anzulegen. Die (sehr guten) Hinweise hierfür aus der Open Leadership Series helfen auch bei der eigenen Konzptentwicklung und werden zusammengefasst in folgendem Bild, genannt Open Canvas:
open_canvas_details.jpg

Ein weiterer, sehr interessanter Hinweis für die Erstellung einer Readme-Datei ist das Erarbeiten sogenannter “Personas” – fiktive Charaktere, welche Nutzer des – oder Kontributoren zum Projekt darstellen. Wer ist es, der sich für das Projekt interessiert, und warum? Erfindet man hierfür ein paar Beispiele können Probleme und Stärken des Projektes hervortreten. Eintrag in der Open Leadership Serie zum Arbeiten mit Personas hier.

Sehr wichtig ist auch das Klarstellen der Regeln zum Mitmachen (“kontributieren” – nicht ein deutsches Wort). Hierfür wird eine CONTRIBUTION.md-Datei angelegt, welche die entsprechenden Informationen enthält.
Ähnlich dazu muss über die Lizenzierung in einer LICENSE.md-Datei informiert werden. Eine Roadmap (Zwischenziele in der Projektentwicklung) und einen Code-of-Conduct (Verhaltenskodex) darzulegen ist ebenfalls wichtig, dies empfiehlt sich durch separate Dateien oder als Bestandteil der Readme-Datei.


Die empfohlene Plattform für mit git versionierte Projekte ist GitLab (Mozilla), o
bwohl GitHub (Microsoft) noch wesentlich größer ist. GitLab bietet die selbe Qualität in Funktion und Design, und möchte man Wert auf den Satz “Practice what you preach!” legen, so sollte man Open Source / Creative Commons Projekte nicht auf einer Platform hosten, die selbst Closed Source ist. GitLab hingegen ist Open Source, man kann die gesamte Website also kopieren, verändern, selbst hosten.

Es finden sich weitere sehr gute Informationen in der Open Leadership-Trainings-Series, zum Beispiel zur Bildung einer Community oder zur Veranstaltung von Events.

Wichtig zu bedenken können ebenfalls Möglichkeiten sein, wie sich Nutzer oder Rezipienten eines Projektes gegenseitig helfen können.

Weiterführende Gedanken zum Thema Open Source und Creative Commons

Man könnte nun meinen, dass die Etablierung einer Kultur, in der unentgeltlich gearbeitet wird, die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufreißt.
Diese Denke funktioniert wenn man als Wert der Arbeit nicht die Wirkung ihrer Ergebnisse auf die Welt anerkennt, sondern eben nur das Geld.

Ich möchte zu verstehen geben, dass kreative Arbeit künstlerischer oder programmatischer Art unentgeltlich und für das Gemeinwohl immer normaler wird.
Arbeiten, die im Team entstehen, sind besser. Eine Firma schafft mehr als eine Einzelperson. Ein weltweite Gemeinschaft schafft mehr als eine Firma.
Dies wird zur Zeit immer klarer, da Open Source Software unentbehrliche Grundpfeiler für kommerzielle Software bietet (OpenColorIO, OpenVDB, OpenEXR und viele weitere de facto Industriestandards) und sie mittlerweile auch ganz überholt.
Disneys Visual Effects Department “Blue Sky Studios” gibt noch dieses Jahr ihre Software frei. Das zeigt, dass selbst Disney in der Produktion ihrer Werkzeuge nicht mithalten kann mit der Arbeit der weltweiten Open Source Community. Es bleibt offen wann auch die Produktion der Filme selbst offene Gemeinschaftsarbeit sein wird.

Blender 2.8 ist stärker (bietet mehr Funktionalität und dennoch einfachere Zugänglichkeit) als 3D Studio Max oder Cinema4D (sorry!), Linux Mint entwickelt sich schneller als Windows oder MacOS (für meine Zwecke (3D Design und Programmierung) ist es heute schon um Weiten besser als die kommerziellen Alternativen) – die Industrie bemerkt das, Valve arbeitet daran jedes (!) Videospiel welches auf Steam verfügbar ist Linuxkompatibel zu machen (> 80% meiner Spiele laufen bereits, DirectX 12 – kein Problem).

Sehr interessant finde ich auch, dass die Verpflichtung zur ausschließlich nicht-kommerziellen Weiterverwendung per Creative Commons Lizenz festlegbar ist. Mir fallen hierfür drei Gründe ein:
1. Erhalt der offenen Kultur
2. Missgönnung kommerziellen Erfolges Anderer mit der eigenen Arbeit
3. Geld ist in der digitalen Gesellschaft hinderlich.
Punkt 3 möchte ich eingehender erörtern.
Geld war es, welches den Wert geleisteter Arbeit erstmals universell gültig “abspeichern” ließ. In digitalen Gesellschaften in denen andere sofort sehen, was ein jeder geleistet hat, ist es nicht nötig, diese Leistungen in Geld zu kodieren und wieder zu dekodieren. Dies spiegelt sich sowohl in Open Source Gemeinschaften, in denen z.B. die Repositories der Menschen einsehbar sind, als auch bereits in kommerziellen Bereichen wieder, zum Beispiel bei der automatischen Vergabe von Amazon “Prime” oder Bahn “Comfort” Status.
Gleichzeitig möchte ich meinen, dass eine jede digitale Arbeit gegen unendlich gehenden Wert hat, da es gegen null gehende Grenzen der Vervielfältigung dessen gibt.

Der Enthusiasmus der Open Source Community hat möglicher Weise auch damit zu tun, dass digitale Datenspeicher technisch darauf ausgelegt sind Daten zu vervielfältigen. Nachdem es in meiner Generation deshalb, also einfach, weil es kinderleicht zu bewerkstelligen ist, kulturell etabliert ist jede Menge Filme, Musik und Software illegal kostenlos herunter zu laden, möchten auch wir unsere Produkte kostenlos zur Verfügung stellen.

Als weiteren pragmatischen Grund für das freie, offene Arbeiten im IT-Bereich wird die Sicherheit genannt. Dies muss ich überprüfen, theoretisch halte ich diese Annahme für eher kritisch. Ist ein Source-Code offen einsehbar, so können Sicherheitslücken prinzipiell von jedem erkannt und gemeldet werden – die Frage ist, ob es eher die White-Hat oder eher die Black-Hat Hacker sind, die diese Sicherheitslücken finden. Ich glaube entgegen der allgemeinen Annahme, dass die Motivation der Black-Hats ist größer ist als die der White-Hats, in einem Source-Code Sicherheitslücken zu finden.

Linus Torvalds war es, der git entwickelte. Dies erfolgte nicht aus idealistischen Gründen, sondern war ihm ganz pragmatisch nötig, um Arbeit an Linux aufteilen zu können. Es ist einfach zu verstehen, durch die Vorstellung, wie mehrere Leute gleichzeitig an einem Textdokument arbeiten – ohne Versionsprotokollsystem ist dies reines Chaos, Änderungen gehen verloren oder werden überschrieben. Leider ist Torvalds ein Mensch, der es genießt, andere Menschen zu roasten (diffamieren, beleidigen).
Wikipedia-Eintrag zu git

Völlig klar ist der Vorteil von Open Source Software bei den Programmiersprachen. Programmiersprachen, deren Compiler oder Interpreter nicht Open Source sind, haben bisher noch immer verloren (z.B. Java). Programmierer erweitern Programmiersprachen, in dem sie die Compiler oder Interpreter ihren Bedürfnissen entsprechend erweitern – dafür müssen diese Open Source sein.

Interessant ist auch, wie die Creative Commons-Kultur sich protokolliert. Aktionen, Symposien etc. werden als “Chapters” bezeichnet und dargelegt, so lässt sich die Etablierung der Kultur verfolgen, wie durch das Lesen von Kapiteln eines Buches.
Und zwar hier!


Unterm Strich lässt sich fest halten, dass Effizienz “vom Open Source an sich” mit der technischen Kompetenz der Menschen wächst, welche “Closed Source”-Software jedoch unberührt lässt.
In wie weit Kreative ihre Arbeit kollaborativ gestalten möchten bleibt fraglich. Die Freude an der Zusammenarbeit, das Ideal der freien Verfügbarkeit auf der einen Seite, der Unwille sich in die eigene Arbeit einmischen zu lassen und der Wunsch nach Geld auf der anderen. Hierzu sei gesagt, dass ich bisher noch jeden Creative Commons-Künstler durch staatliche oder institutionelle Förderung sowie Spenden habe überleben sehen. Solche Formen der Finanzierung durch die Öffentlichkeit ist vollkommen gerechtfertigt, sind Arbeiten mit Creative Commons Lizenz doch wie ein Geschenk an die Öffentlichkeit erkennbar.

Abschließend

Sam gab uns weitere gute Werkzeuge zur Arbeit mit und Gründung von Open Source und Creative Commons lizenzierten Projekten, es folgt eine Liste:

  • Atom – https://atom.io/ – Ein Open Source Text-Editor, den ich selbst schon länger nutze. Am Besten geeignet für das Schreiben von Code. Hat durch seine hackbarkeit eine Vielseitigkeit erlangt welche ich als ausschlaggebenden Vorteil gegenüber anderen Texteditoren empfinde. Nachteil: Belegt recht viel RAM.
  • hackmd – https://hackmd.io/ – Ein Online Text-Editor, mit dem sich das Markdown-Format, in welchem README, Lizenz- und Kontributionsinformationen geschrieben werden, leicht für Text generieren lässt. Für Atom gibt es hierfür auch ein Plugin, hackmd ist praktisch, weil online / im Browser.
  • Nextcloud – https://nextcloud.com/ – Wie Google-Drive, ein Cloudservice-Provider, aber Open Source. Seit dem Workshop habe ich meine Daten aus Google Drive komplett umgezogen. Super! Nachteil: Eigener Webspace benötigt.


Außerdem bewarb er Zusammenarbeit für das (sein) Projekt cc-buttons, mit dem im Browser SVG-Buttons, die das Creative Commons-Logo in einem Herz darstellen, bearbeitet werden können. Dieses empfehle ich hiermit weiter!


Mir persönlich gab er einige Links für mein Konzept eines besseren, Regions-basiertem Social Network (Repository hier). Diese webe ich bald in das Manifesto des Projektes ein.


Im Anschluss an den Workshop von Sam Muirhead fand ein Workshop von Lars Zimmermann zur “Circular Economy” statt, welche auch von Sam Muirhead beworben wurde. Hierüber bin ich leider nicht eingehend informiert, ich entschied mich statt dessen für den Workshop von Jill Scott und Marille Hahne zum Thema “Wahrnehmung”, welcher sich auch sehr gelohnt hat (das kann ich eigentlich überhaupt nicht genug betonen, es war der HAMMER!) und über den ich als nächstes schreiben werde. Es gibt zur Circular Economy Informationen zum Beispiel bei der Seite eines Festivals zur Circular Economy (Open Source Circular Economy Days) hier und bei Lars Zimmermann
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