Interaktive Medien

“Enhancing sensory perception for artist and designers” – Workshop von Marille Hahne und Jill Scott an der HBK Saar 2019

Prof. Dr. Jill Scott (Website / Wikipedia) ist Künstlerin die sich im Feld zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie bewegt und seit über zwei Jahrzenten mit Neurowissenschaftlern zusammen arbeitet. Ihre Arbeiten behandeln das Wissen über den Menschen und die Wissenschaft. Sie wirken zum Teil fast didaktisch, bringen der breiten Masse die hochkomplexen Funktionen des Gehirns und des Körpers nahe, Mensch- sowie Tierreich, erweitern die Sinne auf magische Weise oder sind gar Hilfe für Menschen. Eine ganz tolle Frau.
Sie und ihre Frau Prof. Marille Hahne, Künstlerin, ebenfalls Professorin von der zürcher Hochschule der Künste, welche sich und ihre Arbeiten ebenfalls im Feld von Kybernetik und künstlicher Intelligenz (und vielen weiteren Themen!) positioniert hat und sich dezent als Filmemacherin und rechte Hand ihrer Frau vorstellte, gaben gemeinsam diesen Workshop bereits zum sechsten Mal, dieses Mal bei uns an der HBK Saar.
Am Donnerstag, dem letzten Tag des Workshops, machte Merk Akbal mit uns Übungen zum Thema des Traumes, worüber er als gleichzeitiger Dozent an unserer Hochschule derzeit promoviert. Er beschäftigt sich ebenfalls als Künstler mit der Wissenschaft des Kognitiven, beispielsweise durch Virtual Reality, welche dem Auge stereoskopisch leicht veränderte Bilder anbietet und weiteren tollen Projekten. Ich unterhalte mich sehr gerne mit ihm über diese Themen, seine Schriften über die Träume sind enorm interessant, und das ist, angemerkt, auch der Mann, der mir Blender 3D beibrachte.

THE ELECTRIC RETINA – art and visual perception

Eskin Performance

Es kam mir wie vom Himmel geschickt, nachdem ich Zoe Stawska vom Glitch-Artist Collective meine Meinung darüber Maschinen pseudo-lebendig erscheinen zu lassen vor den Latz warf (Spoiler: Ich hab’ das selbst zu lange gemacht und finde das jetzt doof) und mich damit über meine eigene größere Lust an Maschinen als an Menschen (zumindest theoretisch) emanzipierte, dass ich zwei Tage später den Workshop von Jill Scott und Marille Hahne, von dem ich erst nichts wusste und statt dessen einen anderen besucht hätte, von meinem verehrten Dozenten Mert Akbal nahe gelegt bekam.
“Sensory perception” kann als Brücke zwischen der Neurowissenschaft und den Künsten Verstanden werden. Hier konzentrierten wir uns nämlich VOLL auf den Menschen.
Ich habe das viel zu lange nicht mehr gemacht. Psychologie, Neurologie, Sozialwissenschaften, all diese Dinge, die den Fokus auf den Menschen richten, lassen diesen auch lieben, glaube ich. Es ging auch um Sensorik, das hatte der Workshop ja sogar im Titel, und Jill Scott ist Medienkünstlerin. Hierbei geht es aber nicht darum den Menschen durch Technik zu ersetzen, sondern ihm durch diese näher zu kommen.

Wir begannen den Workshop am ersten Tag mit Übungen aus dem Theater. Die Gruppe Studierender kannten sich fast alle nicht, und wenn, dann nur flüchtig, es waren unter weniger als einem Dutzend Menschen sieben verschiedene Nationen vertreten. Nach diesen Übungen waren wir wie eine Familie!
Ausgehend von dieser Situation war es uns ein leichtes, gegenseitig unsere Sinne zu erforschen. Wir taten Dinge wie, versuchen uns durch Klang und ohne Sicht im Raum zu verorten, Geschmäcker- und Gruchsfolgen aneinander auszuprobieren, die blinden Flecke in den Augen der anderen zu erkennen, gegenseitige körperliche Sensibilität auf Berührung zu erforschen und so weiter. Es kam so neben dem theoretischen und sehr inspirierenden Wissen über das Gehirn (“Neuroscience 101”) auch praktisch zu erstaunlichen Erkenntnissen über die Sinne und wie sie funktionieren! Mit Mert Akbal gingen wir darüber hinaus tief in uns hinein und machten Übungen zur Erinnerung an Träume. Vorteile des Einsatzes von Pointilismus zur Aufzeichnung von Träumen und das visualisierende Denken an 30 verschiedene Tiere als praktisches Mittel um Erinnerung zu “resetten” waren für mich hierbei besondesr anspruchsvoll – ich konnte mich ohnehin kaum an meine Träume der jüngeren Nächte erinnern – und 30 verschiedene Tiere zu visualisieren dauert länger als man meint. Es ist sehr interessant was hierbei im Kopf passiert. Mal ausprobieren!
Der theoretischere Part war ebenfalls sehr interessant. Es gibt hier Wissen von Forschungsbereichen die unter die Namen der Neurowissenschaften, der Kognitivwissenschaften und der kognitiven Neurowissenschaften fallen. Klar, je mehr “Neuro” im Namen, desto mehr Fokus auf die Gehirnfunktionen, je mehr “Kognitiv” im Namen, desto mehr Fokus auf die Sinne.
“Cross-modal Interactions” wurden oft erwähnt. Auf Deutsch Kreuzmodale Wahrnehmung / Kreuzmodale Interaktionen. Es geht um das Vermögen zwischen Sinnen zu differenzieren oder zu verbinden. Wie beispielsweisse auditive und visuelle Reize oft gewohnt zusammen spielen – z.B. ein Mund bewegt sich sichtbar passend zu dem Klang der aus ihm ertönt – ist ein gutes Feld von dem aus es sich sehr gut kreativ weiterdenken lässt. Von hier aus lässt sich auch Synästhesie erkennen.
Dopamin ist Essentiell für die Ansteuerung unseres Körpers – kein Dopamin = keine Kontrolle = Parkinson.
Das Kleinhirn gibt uns Raumgefühl.
Es gibt Tiere unter der Erde, welche einen Sinn für Magnetfelder haben. Auch bekanntere Sinne anderer Spezies welche dem Menschen überlegen sind, wie z.B. die Verortung von Fledermäusen durch Ultraschall, in Erwägung zu ziehen ist praktische Theorie.

Glücklicher Weise wurden die Slides des Workshops verfügbar gemacht:
Scott_Hahne_Sensory Perception

Mert Akbal
https://open-mind.net/ & https://open-mind.net/collection.pdf – Wissen über Kognition und Bewusstsein, Philosophe in dialektischem Format
https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/IJoDR/index – Internationales Journal der Traumforschung (Eng.)
Antti Revonsuo – Threat Simulation Theory
Preparation & Reality Checks
Interobjects // Dr. Mark J Blechner / Thomas Metzinger OBE
“From Engines To Neurons”

Ich hatte die Ehre von Marille Hahne beim letzten Abschied gefragt zu werden, ob ich an einer neuen Version von “Eskin 4”, einer technisch augmentierte Performance mit und für Sehbehinderte, im Haus der elektronischen Künste in Basel mitarbeiten möchte. Natürlich sagte ich zu und traf mich mit der “Jill Scott Crew” (u.A. mit Dr. Boris Magrini, mit dem zusammen Jill Scott LASER Zürich macht) noch am Samstag der selben Woche.
Dazu folgt nach der Show in diesem Blog ein Review. Link zum Kickoff bei H3K

Ideenfelder:
– Kommunikation wissenschaftlicher Arbeitsergebnisse via Kunst / Bild / Interaktiv -> überzeugender als trockene Theorie
– Suggestionen auf Sinne und Körper zu achten -> Fiktion = Realität im Unterbewusstsein
– VR / AR als Medium um ein “overlay” über die Realität zu legen, welches nach außen stülpt was innen ist


http://artistsinlabs.ch/